WEGE DER HEILUNG Ⅱ – VITALPILZE

In der ostasiatischen Medizin werden Pilze seit Jahrtausenden zur Prävention und Therapie verschiedener Erkrankungen bis hin zur Verzögerung von Altersbeschwerden eingesetzt. Seit einigen Jahren wird ihre Anwendung auch in der westlichen Hemisphäre immer populärer. Universitäten und Forschungsgruppen in Europa interessieren sich zunehmend für die Pilze, ihre Inhaltstoffe und die pharmakologischen Wirkstoffe. Aufgrund einer besseren Studienlage und positiver Erfahrungen gibt es bereits viele Heilpraktiker, Therapeuten und naturheilkundliche Ärzte, die aus Überzeugung mit Vitalpilzen oder „medicinal mushrooms“ arbeiten.

Das gesundheitsfördernde Potenzial der Pilze aus Sicht der Wissenschaft

Pilze sind faszinierende Organismen. Sie spielen im Stoffkreislauf der Natur eine entscheidende Rolle und zeichnen sich unter anderem aus durch eine hohe Artenanzahl, großen Reichtum an Formen und Farben und spezielle Lebensweisen. Besonders interessant macht sie ihre Fähigkeit zur Bildung biologisch aktiver Inhaltsstoffe, die für uns sowohl ernährungsphysiologisch als auch pharmakologisch von Interesse sind. Während von den mikroskopisch kleinen Pilzen produzierte Wirkstoffe, z.B. die Penicilline und weitere Antibiotika, schon lange unersetzliche Arzneimittel sind, widmet die Wissenschaft den Großpilzen erst seit jüngerer Zeit verstärkt Aufmerksamkeit. Unter Nutzung der Erfahrungen der traditionellen Medizin, insbesondere der TCM, und der heutigen experimentellen Möglichkeiten, gelingt es immer besser, das gesundheitsfördernde Potenzial von Pilzen zu erschließen. Ziel der Forschung war und ist es, die verantwortlichen Inhaltsstoffe zu identifizieren und ihre Wirkmechanismen zu klären. Fortschritte in der Kultivierung von Großpilzen tragen dazu bei, geeignete Präparate zu entwickeln. Durch das verstärkte Interesse der Wissenschaft konnte ihre Wirksamkeit in Studien nachgewiesen und ihre Sicherheit bestätigt werden.

Mykotherapie – therapeutischer Einsatz von Vitalpilzen

Die Mykotherapie ist eine komplementärmedizinische Therapie aus dem Bereich der Naturheilkunde und beruht auf dem Einsatz von Vitalpilzen, die zum größten Teil der TCM – der Traditionellen Chinesischen Medizin – entstammen. Grundlage ist die gezielte Anwendung von Vitalpilzen und deren Inhaltsstoffen in Form von Extrakten und anderen Zubereitungen. Ein wichtiges Ziel ist die Anregung, Unterstützung und Aktivierung der körpereigenen Abwehr. Die in vielen wissenschaftlichen Studien nachgewiesene immunmodulierende Wirkung der Vitalpilze, überwiegend zurückzufuhren auf die darin enthaltenen Polysaccharide, wird sowohl präventiv als auch therapeutisch genutzt.

Ernährungsphysiologisch bedeutsame Nährstoffe

Eine jahrtausendelange Tradition in der chinesischen Medizin – ein neuer Trend in Europa? Was verbirgt sich hinter den Vitalpilzen? Die verwendeten Pilze weisen ein breit gefächertes Nährstoffangebot auf, das der menschliche Organismus zur Gesunderhaltung dringend benötigt:

  • Vitamine: A, B1, B2, Niacin (B3), Pantothensäure (B5), B6, Folsäure (B9), Ergosterol (als Vitamin D-Vorstufe)
    • Proteine mit allen essenziellen Aminosäuren
    • Ballaststoffe: Hemicellulose, Chitin
    • Mineralstoffe & Spurenelemente wie Magnesium, Kalium, Phosphor, Eisen, Zink, Kupfer, Selen etc.

Die in den Pilzen enthaltenen Polysaccharide Hemicellulose und Chitin sind Ballaststoffe, die schnell ein Sättigungsgefühl vermitteln, die Menge des Stuhls erhöhen und den Verarbeitungsprozess der Nährstoffe im Darmtrakt vorantreiben. Die enthaltenen Ballaststoffe können somit zur Gewichtsreduktion beitragen. Zudem sind Pilze auch sehr kalorienarm: eine Portion von 100 g enthält ca. 20 – 40 kcal.

Wichtige bioaktive Inhaltsstoffe

Polysaccharide / Glukane
Diese Vielfachzucker sind aus Monosacchariden, z. B. Glukose, zusammengesetzt und zählen zur Gruppe der Kohlenhydrate. In Pilzen sind vor allem die β-Glukane bedeutsam. Sie stimulieren das Immunsystem und können das Tumorwachstum hemmen. Die gewünschte immunmodulierende Wirkung tritt vorzugsweise bei den 1,3/1,6-β-D-Glukanen auf. Sie sind in der Lage das unspezifische und das spezifische Abwehrsystem zu aktivieren. Aufgrund dessen haben β-Glukane auch einen positiven Einfluss bei bakteriellen und viralen Erkrankungen. Die Wirkung ist jedoch nicht nur anregend, sondern auch ausgleichend. Spezifische β-Glukane haben also die Fähigkeit zur Immunmodulation. So wird eine überschießende Immunreaktion, wie z. B. bei Allergien und anderen Krankheiten, wo sich das Immunsystem gegen körpereigenes Gewebe richtet, günstig beeinflusst. Die immunstimulierende Wirkung kann auch zu einem besseren Allgemeinzustand und einer schnelleren Regenerationsfähigkeit eines Patienten führen, dessen Immunsystem nach Einsatz von Chemotherapeutika bzw. Bestrahlung stark gedrosselt ist. Dies ist allerdings immer vom betreuenden Arzt abhängig. Im europäischen Raum sind die Erfahrungen diesbezüglich leider nicht so groß wie in Asien.

β-Glukane sind auch imstande den Gleichgewichtszustand im Organismus zu fördern (Wiederherstellung der Homöostase). Deshalb werden sie auch als “biological response modifiers” (BRM) bezeichnet. Aber Achtung: Glukan nicht gleich Glukan ist.

Terpene
In Pilzen findet man vornehmlich Triterpene. Sie weisen ein sehr breites Spektrum an Wirkungen auf. Dazu gehören unter anderem leberprotektive, cholesterin- und blutdrucksenkende Wirkungen. Zudem wirken sie hemmend auf die Thrombozytenaggregation und die Histaminfreisetzung. Auch antikanzerogene, antivirale, antibakterielle, fungizide und antioxidative Eigenschaften wurden nachgewiesen.

Weitere wichtige Inhaltsstoffe sind Steroide (z.B. Ergosterol, ein Bestandteil der Zellwand fast aller Pilze und für den Menschen als Vorstufe von Vitamin D2 interessant. Andere Steroide zeigen nierenprotektive Wirkungen.), antioxidativ wirksame Polyphenole und Ergothionein, sowie Lektine und Nucleoside.

Extrakt versus Pulver

Pilzpulver und Pilzextrakte werden kontrovers diskutiert, haben jedoch in der Mykotherapie beide ihren Platz. Während das Pilzpulver eher präventiv eingesetzt wird, führt der Pilzextrakt aus medizinischer und pharmazeutischer Sicht zur Aktivierung des spezifischen und unspezifischen Immunsystems. Das vermahlene Pulver eines getrockneten Fruchtkörpers enthält nahezu alle Nährstoffe des jeweiligen Pilzes, allerdings auch das schwerverdauliche Pilzprotein und Chitin. Die Studienlage ist nicht so gut wie bei Extrakten. Für therapeutische Zwecke sind Extrakte besser geeignet. Es reicht eine geringere Menge im Vergleich zum Pulver, da durch eine gezielte Extraktion (mittels Ethanol und / oder Wasser) eine höhere Konzentration der gewünschten Wirkstoffe (z.B. Polysaccharide) möglich ist.

12 gut erforschte, präventiv und therapeutisch einsetzbare Vital- bzw. Medizinalpilze:

  Agaricus subrufescens   Agaricus
  Auricularia auricula-judae   Auricularia
  Coprinus comatus   Coprinus
  Flammulina velutipes   Flammulina / Enoki
  Ganoderma lucidum   Reishi
  Grifola frondosa   Maitake
  Hericium erinaceum   Hericium
  Inonotus obliquus   Chaga
  Lentinula edodes   Shiitake
  Ophiocordyceps sinensis   Cordyceps
  Pleurotus ostreatus   Pleurotus
  Polyporus umbellatus   Polyporus

 

 

» Veranstaltungstipps

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18-20.10.2024 | Salzburg

AUSZUG AUS DEM CURRICULUM

» Mykologische Grundlagen
» Wirkstoffgruppen und Hauptwirkungen mykotherapeutisch verwendeter Pilze Polysaccharide, Proteine, Terpene u. a.
» Bedeutung von Pilzen für den Menschen
» Anwendung und Dosierung Mögliche Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Wechselwirkungen
» Pilze in der traditionellen Heilkunde
» Qualität und Kultivierung
» Workshop
» Medizinalpilze in der TCM
» Fragen und Fallbeispiele aus der Praxis

 

 

» Buchtipp

Wege der Heilung
VITALPILZE – modulierend, aufbauend, stärkend
Beate Haertel, Michelle Rimböck, Thomas Neuerer
Hg.: Akademie für Naturheilkunde und Verein Europäische Klosterheilkunde
3. Auflage, Salzburg, Dezember 2021

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