Verletzungen, schwere Krankheiten und chirurgische Eingriffe belasten den Körper und fordern den Patienten in vielerlei Hinsicht, insbesondere auf physiologischer Ebene. Vor allem in der Heilungsphase steigt der Bedarf an Mikronährstoffen spürbar an. Doch genau dieser Aspekt bleibt in der Praxis oft unbeachtet.
Chirurgische Eingriffe erzeugen beim Menschen körperlichen und psychischen Stress. Das hat direkten Einfluss auf die physiologischen Stressachsen: Cortisol und Stresshormone werden vermehrt ausgeschüttet – der Körper wird auf Energiebereitstellung programmiert. Zudem werden körpereigene Reserven (aus gespeicherten Kohlenhydraten, Fetten und notfalls auch aus Eiweißen) mobilisiert. Das blutzuckersenkende Insulin wird in dieser Situation weniger ausgeschüttet. Gleichzeitig steigen der Blutdruck, die Herzfrequenz und der Sauerstoffbedarf.
Operationen verursachen Traumata
Der Körper reagiert hierauf mit Entzündungsreaktionen; außerdem werden Gerinnungsfaktoren aktiviert. All dies sind sinnvolle Heilungsreaktionen nach einem operativen Eingriff. Bei Patienten mit erhöhtem allgemeinem Risiko können hierdurch jedoch arteriosklerotische Plaques instabil werden und das Thromboserisiko ist erhöht. Bei entsprechender Disposition kann es daher beispielsweise postoperativ zu einem Herzinfarkt kommen.
Oxidativer und nitrosativer Stress
Operationen und Entzündungen gehen mit einem erhöhten oxidativen Stress und einher. Dieser erhöht das Risiko für Zellschäden. Besonders betroffen sind antioxidative Enzyme wie die Superoxiddismutase, die Katalase, die Glutathionperoxidase, das Glutathion selbst und Thioredoxin.
Auch die Wahrscheinlichkeit für das Entstehen von nitrosativem Stress ist peri- und postoperativ erhöht. Die Folgen: erhöhte Infektanfälligkeit, Zellschäden, Energiemangel durch Hemmung der Zellatmungskette und Störungen der Wundheilung etc. – Ein Teufelskreis. Bei nitrosativem Stress ist die Aktivität von Metalloenzymen vermindert und Schwefelgruppen, die für die Entgiftung essenziell sind, werden nitriert. Nitrosativer Stress aktiviert zudem den „Nukleäre Faktor Kappa-B“, der wiederum Gene aktiviert, die entzündungsfördernde Substanzen im Körper aufbauen.
Mikronährstoffe
wirken wie „Baumaterial“ (z. B. Zink, Vitamin C für Kollagen), „Schutzschild“ (Antioxidantien) und „Regulatoren“ (Vitamin D, Omega-3) im Heilungsprozess. Ein optimaler Status kann das Infektionsrisiko verringern, Heilung beschleunigen und die Lebensqualität nach einer Operation verbessern. Eine gute Versorgung mit den wesentlichen Mikronährstoffen kann dazu beitragen folgende Faktoren einer Verletzung oder Operation positiv zu beeinflussen:
- Wundheilung & Kollagenbildung
- Entzündungsregulation
- Zellteilung & Gewebsregeneration
- Antioxidativer Schutz
- Schmerz- & Stressmodulation
Vitamin C
Patienten haben postoperativ einen erhöhten Vitamin C Bedarf. Studien haben gezeigt, dass der Vitamin C-Spiegel 48 Stunden nach einer Operation um bis zu 50% abfallen kann. Vitamin C wird postoperativ für die Gewebereparatur – vor allem die Kollagensynthese – benötigt und spielt als Antioxidans eine wichtige Rolle. Es ist außerdem Cofaktor für den körpereigenen Aufbau von Cortisol, das postoperative Entzündungsreaktionen begrenzt. Ein Mangel an Vitamin C schwächt die Immunantwort und verzögert die Wundheilung. Eine Vitamin C-Substitution postoperativ ist in der Lage den Schmerzmittelbedarf zu reduzieren. In der Herzchirurgie ist durch hochdosierte parenterale Vitamin C-Gabe die Häufigkeit von Herzrhythmusstörungen signifikant verringert.
Vitamin D
Ein Vitamin D-Mangel ist in Nordeuropa endemisch und in Mitteleuropa weit verbreitet. Postoperativ kann ein Mangel zu einer erhöhten Entzündungsreaktion führen. Außerdem wird unter Stress Vitamin D in den Nieren vermindert in seine aktive Form umgewandelt. Ein Defizit an Vitamin D geht einher mit einer Fehlregulation der postoperativen Immunantwort, einem erhöhten Infektionsrisiko und höheren Raten von Wundheilungsstörungen. In Studien wurde gezeigt, dass Patienten mit Vitamin D-Mangel nach einer Hüftfraktur nach 6-12 Monaten eine geringere Mobilität aufwiesen und signifikant weniger Patienten erlangten ihre Gehfähigkeit wieder. Ein Vitamin D-Mangel verzögert die Knochenheilung.
Vitamin A
Eine postoperative Entzündung bewirkt eine verminderte Produktion des Retinol-Bindungsproteins. Der Transport von Vitamin A im Körper wird dadurch gehemmt. Vitamin A ist unter anderem wichtig für die Regeneration von Epithelien im Körper. Außerdem wird es postoperativ vermehrt vom Immunsystem gebraucht. Ein Vitamin A-Mangel führt zu einem erhöhten Risiko für Schleimhautschäden und erhöht die Infektanfälligkeit. In der Herzchirurgie führt ein hochnormaler Vitamin A-Spiegel zu einer signifikant verminderten postoperativen Sterblichkeit und zu deutlich kürzeren Klinikaufenthalten.
Vitamin E
Tocopherole sind zentrale Antioxidantien im lipophilen Bereich. Perioperativ sinken die Vitamin E- Spiegel um bis zu 40%. Die Folgen zeigen sich in einer verminderten antioxidativen Abwehr und einer erhöhten Oxidation von Zellmembranen. In einer Studie mit Bypass-Patienten konnte gezeigt werden, dass durch Gabe von Vitamin E postoperativ sowohl die Entzündungswerte als auch der oxidative Stress vermindert waren. Die Verweildauer im Krankenhaus verkürzte sich signifikant. Die regelmäßige präoperative Gabe von Vitamin E, zwei Monate vor einer Knie-TEP Operation (vollständig künstliches Gelenk) führte postoperativ zu weniger Schmerzen und verbesserten Funktionen. Vitamin E hat insbesondere bei Gelenksoperationen einen allgemein positiven Effekt auf die Wundheilung und Schmerz.
B-Vitamine
haben eine besondere Bedeutung für Wundheilung und Regeneration, weil sie direkt in den Stoffwechselwegen „sitzen“, die für Heilung und Zellneubildung entscheidend sind (Energie- und Strukturstoffwechsel).
Wenn z.B. Vitamin B1, B2, B3, B6 und B7 (als Co-Faktoren) fehlen, funktioniert die aerobe Energiegewinnung (Atmungskette) nicht optimal; die Zelle geht in Folge stärker in die anaerobe Glykolyse über und es entsteht mehr Laktat.
Eine Verschlechterung des neurologischen Status sollte insbesondere bei Patienten mit Vorerkrankungen wie beispielsweise M. Parkinson, M. Alzheimer oder peripherer Polyneuropathie vermieden werden. Auch hier spielen B-Vitamine, neben Omega-3-Fettsäuren, eine wichtige Rolle. Eine schlechte Versorgung kann postoperative neurologische Komplikationen hervorrufen. So ist Thiamin (B1) essenziell für den Gehirnmetabolismus. Es stabilisiert den Energiestoffwechsel im ZNS, verringert die Milchsäureproduktion und schützt Neuronen. Cobalamin (B12) und Folat (B9) sind für den Myelinschutz und die Funktion der Neurotransmittersynthese wichtig.
Für die Wundheilung sind vor allem Vitamin B5 und Vitamin B9 essenziell. Folsäure (B9) hat eine zentrale Funktion im Aufbau und bei der Replikation von Zell-DNA (Förderung die Zellteilung im Wundgewebe). Pantothensäure (B5) ist als Coenzym-A unter anderem essenziell für die Aktivität der Fibroblasten. Als Dexpanthenol lokal hat sich Vitamin B5 seit vielen Jahren bewährt.
Magnesium
ist als Cofaktor an über 300 enzymatischen Reaktionen beteiligt. Unter anderem spielt es eine wichtige Rolle für den Wundheilungsprozess und den postoperativen antioxidativen Schutz der Zellen. Klinische Zeichen eines Magnesiummangels sind postoperative nächtliche Muskelkrämpfe.
Zink
ist essenziell für die Wundheilung und Bestandteil der antioxidativen Superoxiddismutase. Es fördert die Gewebereparatur. Es ist wie Vitamin C unverzichtbarer Bestandteil für den Kollagenaufbau und spielt eine wichtige Rolle in der Immunabwehr. Über Drainagen und postoperative Entzündungsreaktionen verliert der Patient Zink und hat einen erhöhten Bedarf.
Selen
wird, bedingt durch den postoperativen oxidativen Stress, vermehrt benötigt. Außerdem ist die Selen-Eiweiß-Synthese vermindert. Selen ist integrativer Bestandteil von sogenannten Selenoproteinen wie der Glutathionperoxidase oder der Thioredoxinreduktase. Selen hemmt im Immunsystem entzündungsfördernde Signalwege. Gleichzeitig unterstützt es die Aktivität von natürlichen Killerzellen sowie die Antikörperbildung. Selen ist Cofaktor der Dejodasen und somit essenziell für die Schilddrüsenfunktion. In der Wissenschaft wird die Gabe von Selen postoperativ kontrovers diskutiert. Auf einen normalen Selenspiegel prä- und postoperativ zu achten, scheint jedoch wichtig.
Omega-3-Fettsäuren
spielen eine wesentliche Rolle bei Entzündungen. So führt ein Mangel an Omega-3-Fettsäuren zu einer erhöhten Entzündungsaktivität. Ein normaler Omega-3-Index geht einher mit einer verminderten Rate von postoperativen Infektionen. In der Herzchirurgie ist die Rate von postoperativem Vorhofflimmern unter Substitution von Omega-3-Fettsäuren geringer. Omega-3-Fettsäuren standen im Verdacht, das postoperative Blutungsrisiko zu erhöhen. Dieses konnte in einer aktuellen Studie aus 2024 widerlegt werden. Anzustreben ist ein Omega-3-Index in der Erythrozyten-Membran von ca. 7,5%.
Alpha-Liponsäure
ist ein Antioxidans sowohl im fettlöslichen als auch im wasserlöslichen Bereich. Es regeneriert andere Antioxidantien wie Vitamin C und Vitamin E. Außerdem harmonisiert sie Signalwege, die entzündungsfördernd sind.
Aminosäuren
sind essenziell für den Aufbau von Proteinen und haben zusätzlich viele andere Funktionen, z.B. beim Aufbau von Neurotransmittern. Prä- und postoperativ ergibt sich bezüglich der Substitution ein sehr differenziertes Bild:
Glutamin ist der Brennstoff von Enterozyten und Immunzellen. Es ist außerdem eine Kernaminosäure für den Aufbau von Glutathion. Die hochdosierte parenterale Gabe senkt die postoperative Infektionsrate, stabilisiert die Darmbarriere und verkürzt den Aufenthalt auf der Intensivstation. Die Studienlage ist jedoch nicht konsistent. Bei Leber- und Nierenbelastungen ist Glutamin eher kontraindiziert.
Arginin ist wichtig für die körpereigene Gewinnung von Stickstoffmonoxid und den Gefäßtonus. Es fördert außerdem die Wundheilung und die Kollagensynthese. Arginin kommt vor allem nach großen Tumor- und Herzoperationen zum Einsatz. Entwickeln Patienten postoperativ jedoch eine schwere Infektion oder Sepsis, dann ist Arginin kontraindiziert.
Verzweigtkettige Aminosäuren wie Leucin, Isoleucin und Valin haben postoperativ einen anti-katabolen Effekt. Sie fördern die Proteinsynthese und werden von allem nach großen Eingriffen postoperativ eingesetzt.
Fazit
Mikronährstoffe sind die Bausteine, Regulatoren und Schutzfaktoren der Heilung. Sie spielen u.a. eine Rolle, ob Wunden schnell, stabil und komplikationsfrei verheilen und Krankenhausaufenthalte auf ein Minimum beschränkt werden können oder ob es zu Verzögerungen, Infekten und starker Narbenbildung kommt. Risikogruppen (z.B. ältere Menschen, chronisch Kranke, Patienten mit Vorerkrankungen oder eingeschränkter Ernährung) sollten frühzeitig Defizite abklären lassen, gezielt supplementieren und auf eiweiß- und nährstoffreiche Ernährung achten. Damit lässt sich die Wundheilung beschleunigen, Infektionsrisiken senken und die Regeneration nach einer Operation deutlich verbessern.
Autor: Dr. med. Siegfried Kober, Arzt für Allgemeinmedizin und Komplementärmedizin, Obmann und Referent der Akademie für Orthomolekulare Medizin (AOM) in Innsbruck
