BIOHACKING IM LICHTE DER HILDEGARD VON BINGEN

Immer mehr Menschen versuchen den (vermeintlichen) Anforderungen des modernen Lebens gerecht zu werden und nutzen dabei alle technischen Möglichkeiten, auch die KI. Sie tracken ihren Schlaf, optimieren ihre Ernährung, ihren Stoffwechsel, Training, Entspannung und Leistung. Was würde die Universalgelehrte und Benediktinerin Hildegard von Bingen dazu sagen?

Hildegard von Bingen (1098–1179) war Benediktinerin, Äbtissin und eine der ungewöhnlichsten Denkerinnen des Mittelalters. Nach ihrem Verständnis war Gesundheit nicht ein Ergebnis von Optimierung, sondern das harmonische Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele im Einklang mit der Natur und der göttlichen Ordnung.
Bald 900 Jahre später ist uns dieses Verständnis von einer lebensnotwendigen Beziehung zur Natur, zu unserer Umwelt, unseren Mitmenschen und einem spirituellen Anker verloren gegangen. Der moderne Mensch, ganz auf sich konzentriert, will sein Leben permanent verbessern: leistungsfähiger, effizienter, kontrollierter will er sein – Stichwort Biohacking.

Unterschiedliche Weltbilder – gleicher Wunsch: ein gutes Leben
Biohacking
geht davon aus, dass der Mensch sein eigener Ingenieur ist: Daten, Messgeräte und Methoden sollen Schwächen sichtbar machen und den Körper „optimieren“. Typische Merkmale von Biohacking sind:

  • Nutzung von Messdaten (z.  Schlafparameter, Herzfrequenzvariabilität, Blutzucker)
  • Interventionen wie Ernährungsstrategien, Fastenregime, Kälte‑ oder Lichteinwirkung
  • Orientierung an naturwissenschaftlichen Modellen (Chronobiologie, Stoffwechsel, Neurophysiologie)
  • Umsetzung von Optimierungsvorschlägen über Apps oder KI
  • Betonung von Selbstwirksamkeit und individualisierter Regulation

Hildegard von Bingen verstand den Menschen als Teil einer von Gott geschaffenen Ordnung, in der Körper, Seele und Lebensführung untrennbar verbunden sind. Gesundheit erhält man sich nicht durch technische Kontrolle, sondern durch das Leben im rechten Maß innerhalb dieser Ordnung. Ist das Gleichgewicht durch zunehmende Beziehungslosigkeit oder eine ungeordnete Lebensweise gestört, zeigt sich dies als Krankheit – nicht primär als biologischer Defekt, sondern als Zeichen einer gestörten Ordnung.

Beide eint der Wunsch nach:

  • Vitalität
  • innerer Klarheit, Zufriedenheit
  • Gesundheit
  • bewusster Lebensgestaltung

Jedoch könnte der jeweilige Zugang, die Haltung nicht unterschiedlicher sein.

Ernährung
Biohacking
ist fast immer vom Anspruch nach einer optimalen Performance in allen Lebenssituationen und unter allen möglichen Umständen geprägt. Ernährung dient als wesentliches Steuerungsinstrument zur Optimierung von Gewicht, Energie, Stoffwechsel, Regeneration, Konzentration, Leistungsfähigkeit und Langlebigkeit. Wobei medial und vor allem digital ein Überangebot an Informationen und Produkten die Biohacker überfordern kann:
Ketogen, Low Carb, Nahrungsergänzungsmittel, Tracking von Makros und Blutzucker, Säure-Basen-Haushalt, gesunde Fettsäuren, ausreichend Proteine, Novel Food und Smart Food; Intervallfasten, fermentierte Lebensmittel, Pro- und Präbiotika; Clean-Eating; individualisierte Ernährungsformen auf Basis von Gentests etc.
Ernährung hat bei Hildegard von Bingen keinen optimierenden oder präventivmedizinischen Zweck, sondern stabilisiert das natürliche Maß des Menschen. Der Mensch soll so essen, dass seine körperliche Verfassung zu „Stand, Alter, Arbeit und Jahreszeit“ passt. Es gibt demnach keine allgemeingültige „gesunde Ernährung“, sondern eine situationsangemessene. Dies wiederum erinnert an den immer lauter werdenden Ruf unserer Gesellschaft nach mehr Individualisierung und Personalisierung bei Ernährungsempfehlungen.
Grundsätzlich sollte die Nahrung warm, einfach, leicht verdaulich sein, vor allem aber maßvoll genossen. Zuviel bzw. Völlerei führt demnach zur Störung der Körpersäfte und in Folge zu Krankheit. Zu wenig (übertriebene Askese – heute vergleichbar mit diversen Diäten) führt zu Schwächung und letztendlich ebenfalls zu Krankheit.
Dinkel hielt sie für sehr wertvoll, zudem empfahl sie diverse Kräuter und Gewürze zur Gesunderhaltung und Linderung bestimmter Beschwerden. Essen in Ruhe, mit Achtsamkeit und Dankbarkeit gegenüber

Körper & Regeneration
Biohacking
Eisbaden, Rotlichtlampen, Schlaftracker, Atemtechniken (Wim Hof, HRV-Training);  Intervallfasten, Makronährstoff-Regulation, Timing-Strategien; gezielte Mikronährstoffeinnahme und funktionelle Substanzen etc. sollen den Organismus unterstützen und die Regeneration fördern.
Hildegard von Bingen
Ausreichender Schlaf zur richtigen Zeit, regelmäßige Aufenthalte in der Natur, Fasten, Aderlass, Kräuter, ein Leben im Rhythmus und maßvoll in allen Dingen sind die einfachen Mittel der Hildegard von Bingen. Kalte Waschungen waren wohl in Ermangelung an geheizten Räumen oder warmem Wasser völlig normal und mussten nicht extra betont werden. Wichtig ist den Benediktinern und damit auch Hildegard „Beziehungsfähigkeit“. Der Mensch ist bei ihr grundsätzlich Beziehungswesen – und Störungen in Beziehungen sind die eigentliche Ursache von Unordnung, Schuld und Krankheit.
1. Beziehungsfähigkeit zu sich selbst bedeutet bei  Hildegard sich in der von Gott gewollten Ordnung zu führen – nicht sich auszuleben und nicht sich zu verleugnen: Geordneter Umgang mit Affekten wie Zorn, Angst, Trauer, Lust etc.; Maßhalten und die Fähigkeit, seine Lebenssituation, eigene Grenzen und Aufgaben anzunehmen. Krankheit ist demnach oft Zeichen innerer Entfremdung, nicht bloß körperlicher Defekte.
2. Beziehung zum Mitmenschen: Für Hildegard ist der Mensch sozial eingebunden in eine Gemeinschaft. Dies bedarf gewisser Regeln und Tugenden wie Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit, Verantwortung füreinander.
3. Beziehung zur Transzendenz: Eine gestörte Gottesbeziehung zeigt sich bei Hildegard nicht abstrakt, sondern konkret in Maßlosigkeit, in ethischer Verwirrung, in innerer Verhärtung, schließlich auch im körperlichen Leiden.

Geist & Psyche: Neurohacking vs. Seelenhygiene
Biohacking
Neurofeedback, Meditationstracker, Supplements für Fokus, Dopamin‑Management

Hildegard von Bingen
Das Seelenheil (heute würde man wohl von psychischer Gesundheit sprechen) gilt als Voraussetzung für körperliche Gesundheit. Musik und Gesang, Auszeiten (in Stille), Spiritualität, Gebet und Verbundenheit sind förderlich für eine emotionale Balance. Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit führen auf lange Sicht zu Verlust von Viriditas. Freude dagegen stärkt sie.

Die Bedeutung von Viriditas „Grünkraft“
Für Hildegard ist Viriditas die Kraft, die Energie, die Pflanzen sprießen, Tiere wachsen und Menschen gesund bleiben lässt, Ausdruck der göttlichen Schöpfungskraft, Bindeglied zwischen Gott, Natur und Mensch. Sie ist die Basis für Heilung. Wenn es an ihr mangelt, schwächt das den Menschen. Stärken lässt sie sich durch ein maßvolles, geordnetes Leben. Nach heutigen Vorstellungen entspricht Viriditas einer systemischen Gesundheit und Regenerationsfähigkeit.

Hildegard von Bingen (12. Jdt) trifft Biohacker ( 21. Jhdt.) – ein fiktiver Dialog:

Hildegard von Bingen, Äbtissin und Gelehrte im 12. Jahrhundert:
Mein Sohn, du trägst ein Gerät an deinem Arm, eines an deiner Brust und noch eines in deiner Tasche. Sag mir: Misst du dein Leben, oder lebst du es?
Max, junger Mann und seines Zeichens „Biohacker“:
Ich versuche nur meinen Körper besser zu verstehen. Mit diesen Trackern erkenne ich, wie ich schlafe, wie mein Stresslevel ist, sogar welche Nahrung ich besser vertrage.
Hildegard:
Und warum spürst du das nicht? Warum vertraust du einem leuchtenden Kasten mehr als deinem Herzen, deinem Atem, deiner inneren Stimme? Im 21. Jahrhundert scheint der Mensch das Naheliegendste verlernt zu haben: sich selbst zu hören, sich selbst zu spüren.
Max:
Ich glaube, wir sind einfach sehr beschäftigt. Die moderne Welt ist schnell. Mit Biohacking holen wir das Maximum heraus. Wir wollen länger leben, leistungsfähiger sein, konzentrierter.
Hildegard:
Ach, dieses Streben nach dem Mehr! Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist wie ein Baum, der seine Wurzeln vergessen hat. Wie willst du höher wachsen, wenn du nicht einmal weißt, wo deine Erde ist und wie du dich mit ihr verbinden kannst?
Max:
Aber deine Methoden – Kräuter, Dinkel, Fasten, Beten – wirken doch aus unserer Sicht langsam, nicht präzise und aus der Zeit gefallen. Biohacking ist messbar und effizient.
Hildegard:
Langsam ist nicht schlecht. Präzise ist nicht immer weise. Du nimmst einen Stoff, um schneller zu sein. Einen, um ruhiger zu sein. Einen, um mehr Energie zu haben. Doch sag mir: Was geschieht, wenn du aufhörst? Und wer bist du ohne diese Hilfsmittel?
Max:
Okay, aber viele Biohacking‑Methoden funktionieren wirklich: Kältetherapie, Atemübungen, Lichttherapie, gezielte Ernährung und so.
Hildegard:
Du führst mir meine eigenen Lehren vor, nur mit neuem Namen. Das Bad im kalten Wasser war für uns Normalität. Atemführung war unser tägliches Gebet. Das Licht nutzten wir als Heilmittel, lange bevor man es „Rotlichttherapie“ nannte. Und was die Ernährung betrifft, so genießen wir jede Mahlzeit mit Demut und Dankbarkeit. Wir achten wohl darauf, was unserem Körper zuträglich ist, versuchen aber auch hier vor allem Maß zu halten und auf einen regelmäßigen Rhythmus zu achten.
Max:
Du meinst also, unsere Methoden sind gar nicht so neu, nur die Techniken haben sich geändert?
Hildegard:
Nicht die Methoden oder die Technik sind das Problem. Die Haltung ist es. Ihr optimiert aus Angst, nicht aus Liebe. Ihr messt zur Kontrolle, nicht aus Achtsamkeit. Ihr lebt, als wärt ihr kaputte Maschinen, die repariert werden müssen – statt als lebendige Wesen, die im Rhythmus der Natur und als Teil der Schöpfung wachsen dürfen.
Max:
Was wäre denn dein Rat an uns moderne Menschen, die im Büro sitzen, gestresst sind, wenig schlafen und ständig erreichbar sein müssen?
Hildegard:
Ich würde euch drei Dinge zum Nachdenken mitgeben:
1. Lasst euch wieder berühren – von Menschen, von Musik, von der Natur. Denn nichts heilt schneller als echte Verbundenheit.
2. Lernt das einfache Leben wieder achten. Ein warmes Essen. Ein Spaziergang. Ein stiller Moment. Oft ist das die wahre Medizin.
3. Verwechselt nicht Tempo mit Tiefe. Der Mensch gedeiht wie eine Pflanze: nicht durch Beschleunigung, sondern durch gutes Licht, guten Boden und gute Pflege.
Max:
Das klingt schön. Aber wie verbinden wir das mit moderner Wissenschaft?
Hildegard:
Ihr sollt die Wissenschaft nicht verwerfen – Gott bewahre! Aber ihr sollt sie erden. Verbindet sie mit Weisheit. Mit Maß. Mit Menschlichkeit.
Max:
Also würdest du sagen: Biohacking braucht mehr Natur?
Hildegard:
Nein. Der Mensch braucht mehr Natur. Der Mensch braucht wieder seine eigene Natur. Und vielleicht ist das die eigentliche Frage des 21. Jahrhunderts. Nicht: Wie messe ich Daten und analysiere ich meinen Körper, um Schwachstellen zu identifizieren und gezielt einzugreifen. Sondern: Wie finde ich zurück zu mir selbst? Wie finde ich wieder das für mich gute Maß? Wie lebe ich im Einklang mit der Natur und allem, was mich umgibt? Wie finde ich Zufriedenheit und mein Seelenheil – sodass der Fokus nicht so stark auf meinem Körper und seiner Leistungsfähigkeit liegt?
Die Welt mag neu sein und sich in fast 1000 Jahren so sehr verändert haben, dass sich ein Mensch aus meiner Zeit nicht mehr darin zurechtfinden würde. Aber der Mensch ist immer noch dasselbe Wesen. Aus Fleisch und Blut, mit demselben Herzschlag, denselben Empfindungen, Stärken und Schwächen wie zu meiner Zeit.

Fazit
Vielleicht ist es gerade in einer Welt, die immer schneller, lauter und fordernder wird, notwendiger denn je daran zu denken: Der Mensch ist kein Projekt, das man unbegrenzt beschleunigen und optimieren kann, sondern ein lebendiges Wesen, das Rhythmen, das gute Maß und intakte Beziehungen braucht, zu sich selbst, zu seinem Gegenüber, seiner Umwelt, der Natur und der Schöpfung.

Mag. Heidi Friedberger, Geschäftsführerin der Akademie für Naturheilkunde

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