EIN PILZ IST GANZ OHR!

Sie haben schon richtig gelesen. Wir sprechen hier über den  Auricularia auricula-judae, auf Deutsch „Judasohr“. Und er hat tatsächlich die Form einer Ohrmuschel und auch eine seiner Heilwirkungen zielt auf das Ohr ab.

Überzeugen Sie sich selbst. Sie können ihn an Holunderbüschen finden, daher wird er auch „Holunderschwamm“ genannt bzw. auf Totholz oder absterbenden Bäumen. Entweder ernten Sie ihn frisch oder vertrocknet. Geben Sie ihn in ein Glas Wasser, nach ein paar Minuten, wenn er sich vollgesogen hat, sehen Sie die Form einer Ohrmuschel. Sein Name weist auch auf seine Wirkung und ein mögliches Einsatzgebiet als Mittel bei stressbedingtem Tinnitus hin. Auf Grund seiner positiven Wirkung auf die Fließeigenschaft des Blutes ist er aber auch unbedingt bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen mitzudenken.

Traditionelles Heilmittel
Obwohl der Auricularia weltweit verbreitet ist, hat man ihn in Europa lange mehr oder weniger ignoriert. In China dagegen hat er seit Jahrhunderten einen festen Platz in der Heilkunde (TCM) und in der Küche. Wer kennt nicht die dunklen, fast schwarzen Pilze mit ihrer gelatineartigen Konsistenz (chinesische Morchel), wie man sie häufig in Suppen und anderen Gerichten der chinesischen Küche findet.

Zum ersten Mal erwähnt wurde er in China bereits um 250 v. Christus. Seit dem 7. Jahrhundert wird er traditionell in der Chinesischen Medizin eingesetzt. Erste Überlieferungen beschreiben die Anwendung zur Blutstillung bei Hämorrhoiden. 1578 schreibt der chinesische Arzt, Pharmazeut und Botaniker Lǐ Shízhēn in seinem Heilmittelbuch Běncǎo Gāngmù, dass das Judasohr jeweils andere Wirkungen zeigt, je nachdem, auf welchem Baum dieser Pilz gewachsen ist. Auch neueste Forschungen bestätigen, dass sich beim selben Ausgangssubstrat – je nach Anbaumethode, Klima und Umwelt – die Inhaltsstoffe und damit auch das Einsatzgebiet durchaus unterscheiden können. In der TCM wird das Judasohr u.a. bei Uterusblutungen bzw. zur Behandlung von Hämorrhoiden eingesetzt. Es hat blutflussfördernde wie auch blutstillende Eigenschaften. Dies scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein. Den Pilzen ist aber oftmals eine ausgleichende, d.h. entweder eine aktivierende oder deaktivierende Wirkung zu eigen.

Seine entzündungshemmenden Eigenschaften sind auch in der TEM (Traditionelle Europäische Medizin) bekannt. Das Wissen darum und die Anwendung waren aber wenig verbreitet. 1679 wird im Kräuterbuch des Arztes und Naturforschers Adam Lonitzer der „Hollunderschwamm“ sehr bildhaft beschrieben, dass dieser – in Wein oder Rosenwasser eingeweicht – „allerlei Hitze und Geschwulst löschen und austrocknen“ könne. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er in Europa als „Fungus Sambuci“ zur Heilung von Augenentzündungen angeboten. Hierbei wurde der eingeweichte Pilz auf die Augen gelegt. Eine entzündungshemmende Wirkung auf Augen, Haut und Schleimhäute konnte auch in aktuellen Studien im Labor gezeigt werden.

Blutgerinnungshemmend und antithrombotisch
Wissenschaftlich gut untersucht ist der Einfluss des Auricularia auricula-judae auf den Blutfluss (blutgerinnungshemmende und antithrombotische Wirkung, ähnlich dem Aspirin). Somit empfiehlt er sich bei Arteriosklerose und diversen Formen von Durchblutungsstörungen (Varikosis und bei leichter Form der arteriellen Verschlusskrankheit). Auch als Thrombose-Prophylaxe bei Langstreckenflügen ist das Judasohr ein heißer Tipp.
Nicht immer ist es möglich, den genauen Hintergründen der Wirkprozesse von Naturheilmitteln auf die Spur zu kommen. Die Verbesserung des Blutflusses wird auf Polysaccharide (meist Beta-Glucane) zurückgeführt, die eine dem gerinnungshemmenden Heparin ähnliche Struktur aufweisen. Heparin für die medizinische Verwendung wird üblicherweise aus sogenannten Schlachtnebenprodukten (Darmschleimhaut von Schweinen) gewonnen. Umso interessanter ist das Potenzial, das der Auricularia möglicherweise als vegane Variante auf diesem Gebiet aufweist.

Aufgrund seiner durchblutungsfördernden Wirkung wird er begleitend z.B. bei Tinnitus eingesetzt. Bessere Durchblutung steigert die notwendige Sauerstoffversorgung bis in die kleinsten Kapillaren, etwa auch im Ohr. So könnte man die Bezeichnung Judasohr als Signatur verstehen, als ein Zeichen der Natur, das auf Zusammenhänge zwischen der äußeren Form einer Pflanze und seiner Wirkung auf ähnlich aussehende Körperteile oder Organe verweist.

Fettstoffwechsel und Blutzucker
Präklinische Belege gibt es zudem für hypolipidämische und hypoglykämische Effekte. Die cholesterinsenkende Wirkung und der positive Einfluss auf den Blutzucker bei Diabetes Typ II sollten weiter erforscht und in klinischen Studien noch besser dokumentiert werden. Die bisherigen Ergebnisse machen den Auricularia jedoch bereits zu dem Unterstützer bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen schlechthin, insbesondere in der Thrombose- und Infarktprophylaxe.

Achtung: Bei Patienten, die gerinnungshemmende Arzneimittel nehmen (AspirinÒ, MarcumarÒ etc.) muss der Gerinnungsstatus zu Beginn engmaschig kontrolliert und die erforderliche Dosis ggf. angepasst werden. Das Judasohr soll bei Empfängniswunsch bzw. von schwangeren Frauen nicht verzehrt werden.

Recherche: Mag. Dr. Michael Malkiewicz

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