Ein Kind, das im natürlichen „Dreck“ spielen darf, erkrankt nach der Bauernhof-Hypothese im Laufe seines Lebens wahrscheinlich seltener an Allergien als ein Kind, dem das verwehrt worden ist. Offenbar ist sein Immunsystem frühzeitig trainiert worden. Was sagt die Wissenschaft zum Thema „trained immunity“?
Um den Körper wirksam vor Krankheitserregern zu schützen, verfügt der Mensch über ein komplexes Immunsystem, das aus einer angeborenen und einer erworbenen Immunität besteht. Die Unterscheidung zwischen diesen Abwehrsystemen ist wichtig, wenn wir über „trainierte Immunität“ sprechen – ein Begriff, der seit einigen Jahren immer populärer wird.
Unser Immunsystem
Die angeborene (innate) Abwehr ist unspezifisch und das erste Bollwerk bei der Abwehr eingedrungener Mikroorganismen oder anderer Fremdkörper. Die erworbene (adaptive) Abwehr richtet sich dagegen spezifisch gegen einen als fremd erkannten Stoff, ein Antigen, und ist enorm anpassungsfähig. Charakteristisch für die erworbene Abwehr ist das immunologische Gedächtnis, d.h., die Fähigkeit sich einen Fremdstoff zu merken. Kommt der Körper erneut mit diesem in Kontakt, kann er ihn mit Hilfe passender Antikörper (humorale Immunität) oder geeigneter Lymphozyten (zelluläre Immunität) sehr schnell bekämpfen. Aktive Immunisierungen, die im besten Fall lebenslang schützen, wären ohne immunologisches Gedächtnis nicht möglich.
Auch das angeborene Immunsystem lässt sich trainieren
Lange Zeit nahm man an, dass dieses Erinnerungsvermögen der erworbenen Abwehr vorbehalten ist. Erst in jüngster Zeit erkennt man, dass auch Zellen des angeborenen Immunsystems in der Lage sind zu lernen, zu „trainieren“. Für das Gedächtnis des angeborenen Immunsystems wurde vor wenigen Jahren der Begriff „trained immunity“ (trainierte Immunität oder angeborenes Immungedächtnis) geprägt. Ein bekanntes Beispiel für trainierte Immunität ist die BCG (Bacillus-Calmette-Guérin)-Impfung, die bis in die 1990er Jahre als Schutzimpfung gegen Tuberkulose bei Kindern angewendet wurde. Aufgrund nicht ausreichender Schutzwirkung und möglicher Nebenwirkungen wird sie nicht mehr routinemäßig durchgeführt. Es zeigte sich jedoch, dass der Impfstoff Geimpfte nicht nur besser gegen Tuberkulose schützte, sondern dass die Geimpften teilweise auch weniger anfällig für andere Infektionskrankheiten waren. Heute wird BCG außerdem erfolgreich in der Behandlung bestimmter Formen von Harnblasenkrebs eingesetzt.
Der Grund: BCG kann Zellen des angeborenen Immunsystems langfristig „umprogrammieren“. Diese Zellen reagieren bei späterem Kontakt mit verschiedenen Krankheitserregern schneller und stärker als zuvor – sie waren „trainiert“ bzw. hatten ein Gedächtnis entwickelt.
Trainierte Immunität bedeutet also, dass Zellen des angeborenen Immunsystems, z.B. Monozyten, Makrophagen, natürliche Killerzellen, aber auch hämatopoetische Vorläuferzellen im Knochenmark, nach einer ersten Aktivierung durch Pathogen-assoziierte molekulare Muster (PAMPs) schneller und effizienter auf spätere Infektionen durch unterschiedliche Erreger reagieren können. Sie entwickeln ein „funktionelles Gedächtnis“, das unspezifisch eine erhöhte Reaktionsbereitschaft des angeborenen Immunsystems gegenüber späteren Pathogenen erlaubt. Zu den Reaktionen gehören eine verstärkte Phagozytose, die Freisetzung von reaktiven Sauerstoffspezies und die Sekretion von pro-inflammatorischen Zytokinen. Die Erkennung der PAMPs erfolgt über Mustererkennungsrezeptoren (pattern recognition receptors, PRR), z.B. Dectin-1- oder Toll like Rezeptoren (TLR), die sich an der Oberfläche der Zellen befinden.
Trainierte Immunität basiert auf epigenetischen Mechanismen und metabolischer Reprogrammierung der Zellen. Epigenetische Veränderungen bedeuten, dass nicht die DNA selbst, sondern begleitende Proteine, z.B. Histone, verändert werden. Veränderungen an Histonen führen beispielsweise dazu, dass sich Chromatin, ein DNA-Histon-Komplex im Zellkern, öffnet und für die angeborene Immunität wichtige Gene leichter ablesbar gemacht werden. An metabolischen Veränderungen wurde eine Umstellung von oxidativer Phosphorylierung auf aerobe Glykolyse festgestellt.
Welchen Beitrag können Pilze zur trainierten Immunität leisten?
Der Begriff der trainierten Immunität erklärt Wirkungen von Medizinalpilzen, die im Grunde genommen schon lange bekannt sind und angesichts der neuen Erkenntnisse jetzt besser verstanden werden. Als (mit)verantwortliche Wirkstoffe, z.B. von Shiitake, Agaricus, Maitake oder Reishi, wurden vor allem die β-Glukane identifiziert. Sie gehören zu den bereits erwähnten PAMPs und sind in der Lage, über die Musterkennungsrezeptoren Zellen des angeborenen Immunsystems zu stimulieren. Was wir jetzt besser wissen, ist die Tatsache, dass diese „Information“ den Zellen in Erinnerung bleibt und bei einem erneuten Kontakt mit einem beliebigen Pathogen, z.B. einem Mikroorganismus oder einer Krebszelle, eine schnellere und effektivere Abwehrreaktion erfolgen kann. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen unter anderem, dass β-Glukan-haltige Pulver von Agaricus bisporus, Zucht-Champignon, die Reaktion von Mausmakrophagen auf eine Restimulation mit synthetischen Lipopeptiden steigern. Die Effekte ließen sich auch in vivo nachweisen. Eine Kombination von β-Glukan und BCG fördert synergistisch die Neubildung von Knochenmarkszellen (Neutrophilen) und führt in einem Blasenkrebs-Modell zum 100%igen Überleben der behandelten Tiere.
Kann die trainierte Immunität gezielt genutzt werden?
Bis jetzt befinden sich die Untersuchungen zur trainierten Immunität noch im experimentellen Stadium. Es ist jedoch damit zu rechnen, dass trainierte Immunität gezielt zur Steigerung der körpereigenen Immunabwehr besonders bei immunsupprimierten Patienten, beispielsweise Krebspatienten, genutzt werden kann. Mit der Einnahme von β-Glukan-haltigen Medizinalpilzen geschieht das, auch wenn noch nicht alle Mechanismen verstanden werden, bereits heute. Welche konkreten gesundheitlichen Vorteile für den einzelnen gesunden Menschen erreichbar sind, lässt sich schwer voraussagen und dürfte individuell verschieden sein.
Das Training von hämatopoetischen Stammzellen kann zu einer langanhaltenden Reaktion und Stabilisierung des blutbildenden Systems beitragen und durch die Förderung der Bildung von weißen Blutzellen die Nebenwirkungen von Chemotherapien mindern. Auf Basis der trainierten Immunität entwickelte Impfstoffe können, allein oder in Kombination mit spezifischen Vakzinen, möglicherweise einen breiten Schutz gegen Infektionserreger bieten.
Kann es auch zu viel sein?
Übermäßige oder fehlgeleitete trainierte Immunantworten können zum Fortschreiten von Krankheiten beitragen und z.B. chronische Entzündungen befördern. Andererseits können sie immunologische Toleranz auslösen und damit die Gefahr von Sekundärinfektionen oder weiteren Erkrankungen erhöhen.
Fazit
Das Konzept der trainierten Immunität erklärt wichtige Vorgänge in unserem Immunsystem und lässt die Rolle der unspezifischen Abwehr besser verstehen. β-Glukane aus Pilzen sind in der Lage, trainierte Immunität auszulösen. Damit wird ihre Rolle als immunmodulatorische Wirkstoffe unterstrichen und besser erklärbar. In der Zukunft wird es darauf ankommen, Mechanismen, Chancen und Limitationen der trainierten Immunität auch im klinischen Umfeld zu analysieren und das ohne Zweifel vorhandene Potenzial gezielt nutzbar zu machen.
Dieser Text erscheint im Gesundheitsmagazin natürlich besser leben – Herbst / Winter 2026 und wurde uns dankenswerterweise zur Verfügung gestellt von Frau Prof. em. Dr. Ulrike Lindequist.
