PSILOCYBIN – VOM MAGIC MUSHROOM ZUM ARZNEIMITTEL?

„Der Trip aus der Depression“ 1 oder „Ist das gut für die Seele“ 2 – das sind Überschriften von nur zwei von mehreren Artikeln, die sich mit psychoaktiven Inhaltsstoffen, sogenannten Psychedelika, aus Pilzen beschäftigen und derzeit in verschiedenen Magazinen und Zeitungen zu lesen sind. Was ist davon zu halten?

Psychedelika (von „psychos“=Seele und „delos“=klar, offenkundig) sind Wirkstoffe, die eingefahrene Denkmuster durchbrechen und je nach Erwartungshaltung und Gemütslage des Anwenders entweder Glücksgefühle oder Ängste auslösen. Zu den bekanntesten Vertretern gehören LSD (Lysergsäurediethylamid) und Psilocybin. Während LSD ein halbsynthetisches Derivat von Alkaloiden aus dem Mutterkornpilz (Claviceps purpurea) ist, wird das Indolalkylamin Psilocybin von Pilzen der Gattungen Psilocybe (Kahlköpfe), Panaeolus (Düngerlinge), Gymnopilus (Flämmlinge) und weiteren Arten produziert. Beide Verbindungen und die Psilocybe-Pilze selbst erlebten die größte Popularität in den 1960er Jahren während der Hippie-Bewegung.

Zauberpilze alter Kulturen
Die Kenntnisse über Pilze mit Wirkungen auf die Psyche sind jedoch wesentlich älter. Neben dem Fliegenpilz, der nicht Gegenstand dieses Artikels ist, dürften die mexikanischen Zauberpilze, z. B. Psilocybe mexicana (bekannt als Teonanacatl=Fleisch der Götter), P. semilanceata oder P. caeruleascens, die wichtigsten Repräsentanten sein. Bereits der spanische Franziskanermönch Bernardino de Sahagun berichtete im 16. Jahrhundert in seinem Codex Sahagun „Historia de las cosas de Nueva espana“ über Teonanacatl und seine Anwendung bei den Azteken. Diese und auch ihre Nachfahren im Süden von Mexiko hielten die Pilze und ihre Nutzung für rituelle und medizinische Zwecke lange Zeit weitgehend geheim.
Nachdem in den 1930er Jahren Pilze als Teonanacatl identifiziert worden waren, begann erst in den 1950er Jahren die intensive Beschäftigung außenstehender Personen mit den Pilzen und den Ritualen ihrer Anwendung. Zu nennen sind die Hobby-Mykologen Gordon Wasson, ein amerikanischer Banker, seine Ehefrau Valentina Pavlovna Wasson, eine russische Kinderärztin, und der Fotograf Alan Richardson. Ihnen gelang es, an einer Velada, einem schamanischen Ritual, mit der mazatekischen Schamanin Maria Sabina (1894-1985) teilzunehmen. 1957 erschien unter dem Titel „Seeking the Magic Mushrooms“ im amerikanischen Life Magazine ein Foto-Essay von G. Wasson und A. Richardson, der in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erregte und dazu führte, dass die Pilze in weiten Kreisen bekannt und ähnlich wie LSD als bewusstseinserweiternde Mittel missbräuchlich angewendet wurden. Vor Selbstversuchen ist jedoch unbedingt abzuraten: Psilocybinhaltige Pilze, also sogenannte „magic mushrooms“, führen zu Bewusstseinsänderungen, deren Ausprägung nicht vorhersehbar ist – von vertiefter Selbsteinsicht und mystischen Erlebnissen bis hin zu Angstzuständen, Realitätsverkennung und Wahnideen. Mögliche „Horrortrips“ können weitreichende Folgen haben.

Die Forschung wird aufmerksam auf die Pilze
Aber auch die wissenschaftliche Erforschung der Pilze wurde damals, u.a. durch Roger Hein, Mykologe am Naturkundemuseum in Paris, vorangetrieben. Albert Hofmann, Chemiker bei der Firma Sandoz in der Schweiz und bekannt als Entdecker des LSD, isolierte und identifizierte Psilocybin und dessen Umwandlungsprodukt Psilocin als verantwortliche Wirkstoffe der Pilze. Im Selbstversuch und auch als Teilnehmer an einer Velada in Mexiko erprobte er am eigenen Leib die halluzinatorische Wirksamkeit von synthetisch hergestelltem Psilocybin. Dabei wurde festgestellt, dass die Aktivität des reinen Psilocybins der der Pilze entspricht. Ein von der Firma Sandoz entwickeltes Psilocybin-haltiges Präparat zur Behandlung von Zwangsneurosen (Indocybin®) wurde jedoch kein kommerzieller Erfolg.

Aufgrund von tragischen Zwischenfällen bei der missbräuchlichen Anwendung der Pilze bzw. von Psilocybin wurde deren Besitz 1968 in den USA und 1970 durch eine UN-Konvention unter Strafe gestellt.

Seit etwa Beginn der 2000er Jahre ist das Interesse an den Psychedelika, und hier besonders am Psilocybin, von medizinischer Seite aus erneut erwacht. Ein Grund dafür dürfte der große Bedarf an Behandlungsmöglichkeiten für bis jetzt therapie-resistente Depressionen und andere psychische Probleme sein. Wissenschaftliche Publikationen, die sich mit Psilocybin befassen, und entsprechende klinische Studien werden immer mehr. Die FDA erteilte 2018 der Psilocybin-basierten Therapie von Depressionen den Status als Breakthrough Therapy.

Aktuelle Studienergebnisse zeigen positive Effekte
Wir wissen heute, dass Psilocybin die Neuroplastizität des Gehirns beeinflusst. Negative psychische Funktionen werden entkoppelt, neue Netzwerke zwischen einzelnen Nervenzellen geknüpft und positive Funktionen gefördert. MRT-Aufnahmen des Gehirns Psilocybin-behandelter depressiver Patienten zeigen eine Zunahme der funktionellen Netzwerkbildung (Konnektivität) und deren Korrelation mit der klinischen Depressionsverbesserung bei den Patienten (Daws RE et al.: nature medicine 2022; 28: 844-851. Doi.org/10.1038/s41591-022-01744-z).

In einer klinischen Studie mit 233 Patienten mit therapie-resistenter Depression führte die einmalige Gabe von 25 mg Psilocybin innerhalb von 3 Wochen zu einer signifikanten Verbesserung der Symptomatik. Geringere Dosierungen waren weniger aktiv (Goodwin GM et al.: N Engl J Med 2022; 387(18): 1637-1648, doi:10.1056/NEJMoa2206443). Eine Vergleichsstudie mit dem bekannten Antidepressivum Escitalopram zeigte in einigen Aspekten Vorteile für Psilocybin (Carhart-Harris R et al.: N Engl J Med 2021, 384: 1402-1411, doi: 10.1056/NEJMoa2032994). Die EPIsoDE-Studie ist eine Phase III-Studie, die gegenwärtig am Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim gemeinsam mit der Charité und der MIND European Foundation for Psychedelic Science durchgeführt wird und Informationen zu Wirksamkeit, Sicherheit, Dosierung und Einnahmehäufigkeit liefern soll. Wichtig ist, dass die Patienten vor, während und nach der Anwendung von Psilocybin psychologisch begleitet werden (augmentierte Psychotherapie).

Psilocybin ist nicht nur für die Behandlung von Depressionen von Interesse. Erste Studien zeigen zum Beispiel auch bei Suchterkrankungen (Alkoholismus), Todesangst am Lebensende bzw. Krebserkrankungen und bipolaren Störungen hoffnungsvolle Ergebnisse.

In den deutschsprachigen Ländern unterliegt Psilocybin, ebenso wie in den meisten anderen Ländern, dem Betäubungsmittelrecht und ist nicht verkehrsfähig. Bei weiterem positivem Verlauf der Studien hinsichtlich Wirksamkeit, Sicherheit und pharmazeutischer Qualität könnte eine Zulassung von Psilocybin-haltigen Präparaten als Arzneimittel in wenigen Jahren realistisch sein. Ob die Anwendung der Pilze zum Beispiel in Form des Microdosing zur Alltagsoptimierung oder in sogenannten „retreats“ vom Gesetzgeber erlaubt werden sollte, ist eine andere Frage, die hier nicht erörtert werden kann.

1 GEO Wissen Nr. 78, 2022
2 DIE ZEIT, Nr. 16, 2023

Fachartikel dankenswerterweise zur Verfügung gestellt von Frau Prof. em. Dr. Ulrike Lindequist

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