In der modernen Gesundheitsforschung gewinnt der Begriff Nutrigenetik immer mehr an Bedeutung. Doch was verbirgt sich hinter diesem wissenschaftlichen Begriff und wie kann sie uns dabei helfen, unser Körpergewicht besser im Griff zu haben und gesünder zu leben?
Die Nutrigenetik ist ein Forschungsfeld, das untersucht, wie unsere Gene die Reaktion auf bestimmte Nährstoffe beeinflussen. Sie kann dazu beitragen, personalisierte Ernährungspläne zu entwickeln, die auf die individuellen genetischen Faktoren abgestimmt sind.
Warum sprechen Menschen unterschiedlich auf Diäten an?
Ein zentraler Begriff in der Nutrigenetik sind die sogenannten Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs). SNPs sind kleine Variationen in der DNA-Sequenz, bei denen ein einzelnes Nukleotid – Nukleotide sind die Grundbausteine der DNA – durch ein anderes ersetzt wird. Diese Variationen können die Funktion von Genen beeinflussen und somit auch unsere Reaktion auf verschiedene Nährstoffe. In der Nutrigenetik werden SNPs genutzt, um zu verstehen, warum bestimmte Menschen auf bestimmte Diäten besser ansprechen als andere und wie genetische Unterschiede unsere Ernährungsbedürfnisse beeinflussen.
Personalisierte Ernährungsempfehlungen
Nutrigenetische Tests analysieren bestimmte Gene und SNPs, um herauszufinden, wie unser Körper auf verschiedene Nährstoffe reagiert. Mit der zunehmenden Verfügbarkeit solcher Tests wird es immer einfacher, personalisierte Ernährungsempfehlungen zu erhalten. Zum Beispiel kann ein Test zeigen, ob eine Person eine genetische Prädisposition für eine erhöhte Fett- oder Kohlenhydratempfindlichkeit hat. Diese Informationen können genutzt werden, um einen maßgeschneiderten Ernährungsplan zu erstellen, der auf die individuellen genetischen Bedürfnisse abgestimmt ist. Das eröffnet neue Möglichkeiten für Menschen, die Schwierigkeiten haben, Gewicht zu verlieren oder ihre Gesundheit durch eine ausgewogene Ernährung zu verbessern.
Dick oder dünn – genetische Variationen entscheiden
Zahlreiche Studien im Bereich Nutrigenetik haben gezeigt, dass genetische Variationen einen erheblichen Einfluss auf unsere Stoffwechselprozesse und somit auf unser Körpergewicht haben, z. B. durch das PPARG-Gen, das die Insulinsensitivität beeinflusst und das Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes erhöhen kann, oder das FTO-Gen, welches das Risiko für Fettleibigkeit erhöhen kann:
- Menschen mit bestimmten Variationen des FTO-Gens (fat mass and obesity-associated gene) haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, an Gewicht zuzunehmen und ein erhöhtes Risiko für Fettleibigkeit, da diese Varianten die Regulation des Appetits und den Energieverbrauch beeinflussen können. Personen mit einer „riskanten“ Variante des Gens fühlen sich nach dem Essen weniger satt und neigen dazu, mehr Kalorien zu konsumieren. Dies kann zu einem erhöhten Körpergewicht führen, wenn keine entsprechenden Maßnahmen zur Kontrolle der Kalorienaufnahme und zur Förderung der körperlichen Aktivität ergriffen werden.
- Das PPARG-Gen (peroxisome proliferator-activated receptor gamma) ist ein wichtiger genetischer Faktor, der den Stoffwechsel beeinflusst. Dieses Gen ist entscheidend für die Regulation der Fettzellenentwicklung und des Glukosestoffwechsels. Variationen im PPARG-Gen können die Empfindlichkeit gegenüber Insulin und damit das Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes erhöhen. Eine gezielte Ernährungsstrategie, die diese genetischen Unterschiede berücksichtigt, kann helfen, das Risiko für metabolische Erkrankungen zu senken und die Gesundheit zu verbessern.
- Die Beta-adrenergic receptor Gene ADRB2 und ADRB3 kodieren für Beta-Adrenergic Rezeptoren, die eine Schlüsselrolle bei der Regulation des Fettabbaus und des Energieverbrauchs spielen. Varianten dieser Gene können die Reaktion des Körpers auf körperliche Aktivität und Ernährung beeinflussen. Personen mit bestimmten Varianten haben eine verminderte Fähigkeit zur Fettverbrennung, was zu einer erhöhten Anfälligkeit für Übergewicht führt.
Fazit
Die Nutrigenetik kann also Erklärungen liefern, warum die einen ihr Gewicht halten und andere bei ähnlichem Essverhalten gegen jedes Kilo kämpfen müssen. Das Wissen um genetische Prädispositionen ermöglicht es, personalisierte Trainings- und Ernährungspläne zu entwickeln, die den individuellen genetischen Unterschieden Rechnung tragen. So können auch Personen mit weniger günstigen genetischen Voraussetzungen präziser dabei unterstützt werden, ihre Gewichtsziele zu erreichen. Dieses Wissen darf aber nie eine Ausrede sein, sich seinem Schicksal bzw. seinen Anlagen zu ergeben. Denn ein gesunder Lebensstil hat hier auch noch „ein Wörtchen mitzureden“. Kombinieren Sie Erkenntnisse über Ihre genetischen Anlagen mit einem „Leben in Balance auf allen Ebenen“ für Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden. Genetische Tests sollten nicht als alleinige Grundlage für Ernährungsentscheidungen verwendet werden, sondern als Teil eines ganzheitlichen Ansatzes zur Gesundheitsförderung dienen.
Auszug aus dem Gesundheitsmagazin „natürlich besser leben“, Herbst 2024
Text: Dipl.-Biol. Dr. Simone Riß, promovierte Genetikerin